|
Rezensionen
Abrechnung mit Müttern und Männern
Alice Villon-Lechner, FAZ, 4. Januar 1985
...Ähnlich bei Claudia Erdheim: die vaterlose Tochter, frech und
schlecht in der (Buben-) Schule, unter der Macht der Mutter leidend.
Und doch - wie anders: Bei Nora Schmitt bleibt die Geschichte eines
Reife- und Rebellionsprozesses in eine "Puppenhaus"-Atmosphäre gehüllt;
Claudia Erdheim dagegen erinnert sich ganz unsentimental einer
unorthodox-jüdischen Kindheit im Nachkriegs-Wien der fünfziger Jahre,
erfaßt in Kapiteln über die "schweren Zeiten", die verschlampte Wohnung,
über Wochenenden und den Schulalltag.
Im Zentrum steht die Mutter, die Psychoanalytikerin, die ihre Töchter
mühsam durchbringt. Unzärtlich-sachlich geht sie mit ihnen um,
vernachlässigt sie und kontrolliert sie dennoch unerbittlich. Die
"Gnädigste", die "Göttin", auch: die "Alte" - eine Tyrannin mit
Macho-Allüren. So mächtig und robust sie aber scheinen mag - sie
besteht doch aus lauter Widersprüchen. Als Mitglied der Kommunistischen
Partei ist sie voll sozialen Dünkels in der Verachtung der "Proleten";
antiautoritär in der Respektlosigkeit gängigen Normen gegenüber,
verbreitet sie doch all die weisen alten Sprüche über Kinder, die zu
gehorchen haben; geplagt von Beobachtungs-, Diebstahls-, Einbruchs-
und Krankheitsängsten, drangsalieren die "Frau Doktor" ihre Kinder mit
überholten Verhaltensregeln.
Eine grandiose Monster-Mutter; eine schier unbezwingbare Mischung aus
Konventionalität und Unkonventionalität, aus Aufgeklärtheit und
Verhaftetheit in alter Moral, aus Härte und Zimperlichkeit. Sie setzt
Normen, willkürlich, sie liebt die Außenseiterrolle. Die kleine
Tochter, unterschätzt, ist widerborstig - und doch zutiefst
verunsichert und ängstlich (was sie nie ausspricht, was sie nur durch
peinliches In-die Hose-Machen verrät). Erst ganz zum Schluß bricht
die Familienenge auf, der erste Freund erscheint: "Ich mach Matura,
und er will Dichter werden."
In schroffem Stakatto und doch schwungvoll und fesselnd erzählt
Claudia Erdheim ihre Geschichte. Konsequent sind Stil und Perspektive:
In Kürzestsätzen wird Geschehenes, Gesagtes und Gehörtes neben
einander gestellt, werden eigene mit fremden Sätzen vermengt, die
Widersprüche kommentarlos registriert; auf diese Weise wird der Prozeß
der Erziehung von innen her gezeigt. Ebenso konsequent und
eigenständig ist der Ton, die Wiener Umgangssprache (ein Glossar
ergänzt das Buch). Mit dieser Unverstelltheit, hier kann man ruhig
sagen: Authentizität erreicht Claudia Erdheim eine lebendige und oft
sehr komische Zeichnung von Personen und Atmosphäre.
Die große Grandy
Gerhard Kofler, Falter, 7. 3. 1985
Obwohl in letzter Zeit viele Bücher erschienen sind, die sich mit
Mutter-Tochter-Beziehungen auseinandersetzen, ist der Erstlingsroman
der 1945 geborenen Claudia Erdheim dennoch ungewöhnlich.
Schon die autobiographische Konfrontation mit der Mutter, der
anerkannten Psychoanalytikerin Tea Genner-Erdheim, lenkt das Interesse
auf sich. Der kritische Impuls geht zudem ohne Verlust an Intensität
durch alle Erinnerungsmomente und ist sprachlich wirkungsvoll
umgesetzt: Die Autorin läßt die charakteristischen Redewendungen der
Mutter als Ansammlung von Standesdünkel und Neurosen gekonnt in den
ironischen Rhythmus des Textes einfließen.
Es ist freilich keine leichtfertige oder gar harmonisierende Ironie
und der Leser bemerkt bald, daß es hier um sehr wichtiges geht und daß
erst mit diesem Roman einer durch Verhaltensfloskeln zum Schweigen
gebrachten Kindheit ihre Sprache gegeben wird. Gerade diese schwierige
Distanzierung von der Mutter bringt uns Claudia Erdheim nahe,
erschreckend ist die Anschaulichkeit der geschilderten Vorgänge.
Ohne Vater aufgewachsen, erfährt Claudia die Begrenzungen ihrer
Umgebung durch die mütterlichen Direktiven. So darf sie - und ebenso
ihre ältere Schwester - nicht mit den Kindern der Nachbarschaft
spielen. Auch die Leute im Haus werden von der Frau Doktor, die ja
schließlich Hausbesitzerin ist, nicht gegrüßt, "denn der Pofel
schnüffelt einem ja eh nur nach".
In wenigen Sätzen faßt Claudia Erdheim übernommene
gesellschaftsverändernde Ansprüche und ihre Debakel zusammen:
"Mitglied der kommunistischen Partei ist und den Stalin verehrt sie
abgöttisch; trotzdem stinkt's im Haus nach Proleten, weil die immer
Kelch fressen."
Die "Göttin" oder die "große Grandy" redet nie mit der Hausmeisterin,
dazu müssen die Kinder herhalten, ebenso was Einkäufe beim Greißler
und bei der Milchfrau betrifft. Der beruflichen Karriere als
Psychoanalytikerin entspricht die familiäre Kehrseite mit Diebstahls-
und Einbruchsneurosen, Krankheits- und Kontaktphobien. Rolltreppen
sind genauso gefährlich wie Auslandsreisen, überall wittert die
"Göttin" Unhygienisches. Hygiene ist überhaupt eine grundsätzliche
gesellschaftliche Verhaltensregel, dazu gehört auch, daß die Kinder
ihre Wäsche selbst waschen und daß sie als Beitrag zur familiären
Gefühlshygiene ihre Mutter nach der Arbeit abholen. Tea - wie sie am
liebsten genannt wird - ist selbstverständlich abends oft fort: Im
Kaffeehaus, bei Treffen der Psychoanalytiker-Vereinigung, bei
Schulungen der KPÖ, die sie allerdings nach dem Ungarn-Aufstand 1956
verläßt.
Der kleinen "Clautschi" ist jedoch fernbleiben nicht gestattet. In den
Kindergarten darf sie nicht, da dort ja die Prolentenkinder sind und
sie ohnehin die ganze Zeit krank wäre. So kommt es zu traumatischen
Stunden, die in der Ordination ohne Spielsachen verbracht werden
müssen, denn Spielsachen schaffen dort Unordnung. Einmal spielt
Claudia vom Praterrefenster aus mit einigen Kindern Ball. Sie wird
wütend angeschrien mit dem gerade in einer psychoanalytischen
Ordination besonders terroristischen Satz: "Bist du wahnsinnig
geworden?"
Folgerichtig wählt Claudia Erdheim diesen Wutausbruch als Titel und
nimmt ihn als Frage ernst. Ihr Buch ist die Antwort darauf und zeigt
das schwierige Überschreiten des engen erlaubten Maßes. Um so
bewundernswerter ist dies, da Mut in dieser erzieherischen Maßregelung
stets als das Andere, Kranke, Wahnsinnige ihr vor Augen geführt
wurde.
Die Mutter hat sich stets als Intellektuelle verstanden und ihre
privaten neurotischen Kleinlichkeiten immer als für diesen Status
typisch ausgewiesen. Die Tochter hat mit dieser gelungenen
schriftstellerischen Arbeit eine Möglichkeit ganz anderer
Intellektualität vorgelegt.
Auf Claudia Erdheims zweites Buch über Erfahrungen mit Psychotherapie
kann man deshalb wieder mit Interesse warten.
Eine besondere Nebenbemerkung verdient freilich das Nachwort von Goldy
Parin-Mathey. Als ob da von einem ganz anderen Buch die Rede wäre,
wird nach einem langen Exkurs über die Vorgeschichte der Familie und
einer am Karriereverlauf orientierten Würdigung von Tea Genner-Erdheim
als Psychoanalytikerin über den kritischen Elan des Romans hinweg
gegangen. Und es ist zudem auch nicht - wie im Nachwort behauptet
wird - eine "einzigartige" Familiensituation, die da geschildert wird.
Denn Vorstellungen gehobenen Kleinbürgertums verstellen uns immer
wieder die Aussicht.

|
|