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Bist du wahnsinnig geworden? Inhalt
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ISBN 3-85409-069-2




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Inhalt

Unsentimental blickt die Tochter zurück auf ihre Kindheit: Die Mutter, eine Psychoanalytikerin der ersten Stunde nach dem Krieg, zieht allein ihre beiden Töchter auf. Die aber sind oft sich selbst überlassen, dürfen trotzdem mit bestimmten anderen Kindern nicht spielen. Die früheren Erfahrungen und Ängste der Mutter (aus den schwierigen Jahren von Krieg und Vorkrieg) prägen noch immer den Alltag - gegessen wird hastig; von den ererbeten Möbeln darf nichts weggetan werden, auch wenn so manches Stück mehr als schäbig ist. Eine typische Kindheit in den fünfziger Jahren, aber auf ihre Weise doch besonders. Aus der kindlichen Perspektive eindringlich und sprachlich meisterhaft geschildert, tauchen die Belastungen auf, die sich aus der

Fixierung der Mutter der aufgeklärt-intellektuellen, emanzipierten Frau, an ihren Beruf, an Therapiearbeit und Patienten ergeben. Insoferne ist der Roman auch ein wichtiges Quellenwerk zu einem bisher tabuisierten Thema: Wie ist die familiäre Situation jener beschaffen, die eng an sozial oder therapeutisch Tätige (Lehrer, Sozialarbeiter, Ärzte) gebunden sind?



 

Rezensionen

Abrechnung mit Müttern und Männern
Alice Villon-Lechner, FAZ, 4. Januar 1985

...Ähnlich bei Claudia Erdheim: die vaterlose Tochter, frech und schlecht in der (Buben-) Schule, unter der Macht der Mutter leidend. Und doch - wie anders: Bei Nora Schmitt bleibt die Geschichte eines Reife- und Rebellionsprozesses in eine "Puppenhaus"-Atmosphäre gehüllt; Claudia Erdheim dagegen erinnert sich ganz unsentimental einer unorthodox-jüdischen Kindheit im Nachkriegs-Wien der fünfziger Jahre, erfaßt in Kapiteln über die "schweren Zeiten", die verschlampte Wohnung, über Wochenenden und den Schulalltag.
Im Zentrum steht die Mutter, die Psychoanalytikerin, die ihre Töchter mühsam durchbringt. Unzärtlich-sachlich geht sie mit ihnen um, vernachlässigt sie und kontrolliert sie dennoch unerbittlich. Die "Gnädigste", die "Göttin", auch: die "Alte" - eine Tyrannin mit Macho-Allüren. So mächtig und robust sie aber scheinen mag - sie besteht doch aus lauter Widersprüchen. Als Mitglied der Kommunistischen Partei ist sie voll sozialen Dünkels in der Verachtung der "Proleten"; antiautoritär in der Respektlosigkeit gängigen Normen gegenüber, verbreitet sie doch all die weisen alten Sprüche über Kinder, die zu gehorchen haben; geplagt von Beobachtungs-, Diebstahls-, Einbruchs- und Krankheitsängsten, drangsalieren die "Frau Doktor" ihre Kinder mit überholten Verhaltensregeln.
Eine grandiose Monster-Mutter; eine schier unbezwingbare Mischung aus Konventionalität und Unkonventionalität, aus Aufgeklärtheit und Verhaftetheit in alter Moral, aus Härte und Zimperlichkeit. Sie setzt Normen, willkürlich, sie liebt die Außenseiterrolle. Die kleine Tochter, unterschätzt, ist widerborstig - und doch zutiefst verunsichert und ängstlich (was sie nie ausspricht, was sie nur durch peinliches In-die Hose-Machen verrät). Erst ganz zum Schluß bricht die Familienenge auf, der erste Freund erscheint: "Ich mach Matura, und er will Dichter werden."
In schroffem Stakatto und doch schwungvoll und fesselnd erzählt Claudia Erdheim ihre Geschichte. Konsequent sind Stil und Perspektive: In Kürzestsätzen wird Geschehenes, Gesagtes und Gehörtes neben einander gestellt, werden eigene mit fremden Sätzen vermengt, die Widersprüche kommentarlos registriert; auf diese Weise wird der Prozeß der Erziehung von innen her gezeigt. Ebenso konsequent und eigenständig ist der Ton, die Wiener Umgangssprache (ein Glossar ergänzt das Buch). Mit dieser Unverstelltheit, hier kann man ruhig sagen: Authentizität erreicht Claudia Erdheim eine lebendige und oft sehr komische Zeichnung von Personen und Atmosphäre.


Die große Grandy
Gerhard Kofler, Falter, 7. 3. 1985

Obwohl in letzter Zeit viele Bücher erschienen sind, die sich mit Mutter-Tochter-Beziehungen auseinandersetzen, ist der Erstlingsroman der 1945 geborenen Claudia Erdheim dennoch ungewöhnlich. Schon die autobiographische Konfrontation mit der Mutter, der anerkannten Psychoanalytikerin Tea Genner-Erdheim, lenkt das Interesse auf sich. Der kritische Impuls geht zudem ohne Verlust an Intensität durch alle Erinnerungsmomente und ist sprachlich wirkungsvoll umgesetzt: Die Autorin läßt die charakteristischen Redewendungen der Mutter als Ansammlung von Standesdünkel und Neurosen gekonnt in den ironischen Rhythmus des Textes einfließen. Es ist freilich keine leichtfertige oder gar harmonisierende Ironie und der Leser bemerkt bald, daß es hier um sehr wichtiges geht und daß erst mit diesem Roman einer durch Verhaltensfloskeln zum Schweigen gebrachten Kindheit ihre Sprache gegeben wird. Gerade diese schwierige Distanzierung von der Mutter bringt uns Claudia Erdheim nahe, erschreckend ist die Anschaulichkeit der geschilderten Vorgänge. Ohne Vater aufgewachsen, erfährt Claudia die Begrenzungen ihrer Umgebung durch die mütterlichen Direktiven. So darf sie - und ebenso ihre ältere Schwester - nicht mit den Kindern der Nachbarschaft spielen. Auch die Leute im Haus werden von der Frau Doktor, die ja schließlich Hausbesitzerin ist, nicht gegrüßt, "denn der Pofel schnüffelt einem ja eh nur nach".
In wenigen Sätzen faßt Claudia Erdheim übernommene gesellschaftsverändernde Ansprüche und ihre Debakel zusammen: "Mitglied der kommunistischen Partei ist und den Stalin verehrt sie abgöttisch; trotzdem stinkt's im Haus nach Proleten, weil die immer Kelch fressen."
Die "Göttin" oder die "große Grandy" redet nie mit der Hausmeisterin, dazu müssen die Kinder herhalten, ebenso was Einkäufe beim Greißler und bei der Milchfrau betrifft. Der beruflichen Karriere als Psychoanalytikerin entspricht die familiäre Kehrseite mit Diebstahls- und Einbruchsneurosen, Krankheits- und Kontaktphobien. Rolltreppen sind genauso gefährlich wie Auslandsreisen, überall wittert die "Göttin" Unhygienisches. Hygiene ist überhaupt eine grundsätzliche gesellschaftliche Verhaltensregel, dazu gehört auch, daß die Kinder ihre Wäsche selbst waschen und daß sie als Beitrag zur familiären Gefühlshygiene ihre Mutter nach der Arbeit abholen. Tea - wie sie am liebsten genannt wird - ist selbstverständlich abends oft fort: Im Kaffeehaus, bei Treffen der Psychoanalytiker-Vereinigung, bei Schulungen der KPÖ, die sie allerdings nach dem Ungarn-Aufstand 1956 verläßt.
Der kleinen "Clautschi" ist jedoch fernbleiben nicht gestattet. In den Kindergarten darf sie nicht, da dort ja die Prolentenkinder sind und sie ohnehin die ganze Zeit krank wäre. So kommt es zu traumatischen Stunden, die in der Ordination ohne Spielsachen verbracht werden müssen, denn Spielsachen schaffen dort Unordnung. Einmal spielt Claudia vom Praterrefenster aus mit einigen Kindern Ball. Sie wird wütend angeschrien mit dem gerade in einer psychoanalytischen Ordination besonders terroristischen Satz: "Bist du wahnsinnig geworden?"
Folgerichtig wählt Claudia Erdheim diesen Wutausbruch als Titel und nimmt ihn als Frage ernst. Ihr Buch ist die Antwort darauf und zeigt das schwierige Überschreiten des engen erlaubten Maßes. Um so bewundernswerter ist dies, da Mut in dieser erzieherischen Maßregelung stets als das Andere, Kranke, Wahnsinnige ihr vor Augen geführt wurde.
Die Mutter hat sich stets als Intellektuelle verstanden und ihre privaten neurotischen Kleinlichkeiten immer als für diesen Status typisch ausgewiesen. Die Tochter hat mit dieser gelungenen schriftstellerischen Arbeit eine Möglichkeit ganz anderer Intellektualität vorgelegt.
Auf Claudia Erdheims zweites Buch über Erfahrungen mit Psychotherapie kann man deshalb wieder mit Interesse warten.
Eine besondere Nebenbemerkung verdient freilich das Nachwort von Goldy Parin-Mathey. Als ob da von einem ganz anderen Buch die Rede wäre, wird nach einem langen Exkurs über die Vorgeschichte der Familie und einer am Karriereverlauf orientierten Würdigung von Tea Genner-Erdheim als Psychoanalytikerin über den kritischen Elan des Romans hinweg gegangen. Und es ist zudem auch nicht - wie im Nachwort behauptet wird - eine "einzigartige" Familiensituation, die da geschildert wird. Denn Vorstellungen gehobenen Kleinbürgertums verstellen uns immer wieder die Aussicht.



 

Textprobe

Meine  Fingernägel  schneidet  sie  zu   kurz;   ins Kino nimmt sie mich mit;  ins K i n o ! ein Ort absoluter Primitivität! Zu fremden Leuten im Gemeindebau geht sie mit mir; zu fremden Leuten! Und noch dazu zu solchen, die im Gemeindebau wohnen; die sind ja dumm und primitiv; verwahrlostes Gesindel; Kriminelle wohnen dort. Und dann der Dialekt! Zänttputzen sag ich statt zähneputzen. Jetzt reicht es aber; alles, was recht ist; das geht wirklich nicht mehr. Das letzte Kindermädel wird entlassen. Ich bin gerade fünf. Es passiert im Speiszimmer, das Zimmer, das immer schon das Speiszimmer war, seit den Zeiten der Großeltern. Meine Mutter tobt, das Mädchen weint und ich mach in die Hose. Im Gemeidebau und im Kino war es doch schön! Was für ein Prachtexemplar war doch das vorige Kindermädel; die war nicht kriminell; die hat Matura gehabt und sogar ein abgebrochenes Medizinstudium.
Endlich kann meiner Mutter niemand mehr dreinreden. Sei still; gib eine Ruh; mach mich nicht nervös, schimpft sie die ganze Zeit vor sich hin. Ich muß mich jetzt fertig machen. Setz dich inzwischen am Diwan und gibt eine Ruh. Wo sind die hundert Schilling? Wo ist der Erlagschein? Wo hat dieser Trampel die Schuhe hingetan? Ständig rennt sie von einem Zimmer ins andere. Irgendwer muß doch dran schuld sein, daß sie ihr Halstuch nicht finden kann. Wir gehen gleich; zieh dir inzwischen schon den Mantel an. Gleich gehen wir nie, aber den Mantel zieh ich an. Endlich ist es so weit. Das Kind darf sie nicht verlieren; die Kleine ist so ein lebhafter Bengel. Ganz fest nimmt sie mich an der Hand; den Kleine Finger legt sie vorsichtshalber noch um mein Handgelenk, damit ich ihr nicht auskomm. Irgend etwas Unverständliches murmelt sie die ganze Zeit vor sich hin; und bös schaut sie drein.