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Rezensionen
Entfernung aus der Gruppe.
"Herzbrüche" - Claudia Erdheims Abrechnung mit der Psychoanalyse
Mira Beham, Süddeutsche Zeitung, 5. 2. 1986
Die österreichische Autorin Claudia Erdheim, gebranntes Kind einer
Psychoanalytikerin und selbst jahrelang Patientin, greift in
ihrem
zweiten Roman "Herzbrüche" am Beispiel ihrer eigenen
Fallgeschichte jene Mängel anayltischer Interaktionsformen auf,
die einer möglichen psychischen Gesundung des einzelnen
zuwiderlaufen. Statt zu polemisieren, arbeitet sie mit analytischem
Wissen und zeichnet das Psychogramm einer Entpersönlichung durch
Therapie. Und im Unterschied zu anderen Verfassern literarisierter
Erfahrungsberichte, die ihr freigesetztes Aggessionspotential in
larmoyanten Selbstbespie-gelungen verpuffen lassen und die Bedeutung
literarischer Qualität hintanstellen, spielt Claudia Erdheim
erfolgreich mit der entlarvenden und zersetzenden Wirkung der Parodie.
Hilfreich ist ihr hier die ohnehin vorhandene unfreiwillige Komik einer
Gruppensituation, die nach den Gesetzmäßigkeiten von
(Selbst-)Betrug und Irrtum funktionieren.
In kurzen lakonischen Sätzen vermittelt die mit der Autorin
identische Ich-Erzählerin ihre widersprüchlichen Empfindungen
und Erlebnisse in einer therapeutischen Gruppe. Scheinbar locker - im
wienerisch gefärbten Ton - schreibt sich die Autorin ihre Wut von
der Seele, schreibt jedoch auch, um der Ohnmacht zu entkommen. Ihr Zorn
kreist um den Therapeuten - ein Musterexemplar des traditionellen
Analytikers, der sich in maßloser narzißtischer
Selbstüberschätzung gefällt und seinen
Allmachtsansprüch von der ihn idealisierenden Gruppe
bestätigt bekommt. Im ersten Teil des Romans ist die
Ich-Erzählerin in ihrer Haltung gegenüber dem Analytiker noch
ambivalent, läßt sich von der Dynamik der Gruppe (die in
zwischengeschobenen Dialogen karikiert wird) noch täuschen. Im
weiteren Verlauf des Buches dominiert dann die ganz persönliche
Auseinandersetzung und Abrechnung mit dem Therapeuten - eine Rebellion
auch gegen den patriarchalen Charakter der Psychoanalyse. Die Patientin
weigert sich die vorgegebenen gruppentherapeutischen Strukturen zu
akzeptieren, weil sie sich davon keine Hilfe aus ihren
persönlichen Nöten versprechen kann. Da sie zudem erkennt,
daß die psychoanalytische Theorie Frauen und die weibliche
Sexualität als minderwertig betrachtet, müßte sie sich
selbst zuwider handeln, wenn sie sich anpaßte. Ihrem
Ausschluß aus der Gruppe kommt sie zuvor, indem sie sich selbst,
geplagt von Depressionen und Schuldgefühlen, in eine zweifelhafte
Freiheit entläßt.
"Kunst und Therapie haben ein Ziel: Befähigung zum eigenen Leben",
heißt es in Adolf Muschgs Frankfurter Vorlesungen über "das
Heilsame und das Unheilbare". Wenn der therapeutische Charakter des
Kunstwerkes - so wie Muschg vermutete - in der Um- und Freisetzung von
Phantasie und Erinnerungen liegt und in der damit verbundenen
Vergegenwärtigung von Konflikten, dann ist Claudia Erdheims Roman
"Herzbrüche" ein Paradebeispiel literarisierter und literarischer
Lebensbewältigung. Ähnlich wie in Fritz Zorns "Mars" etwa,
werden hier autobiographische Erfahrungen mit fundamentaler Kritik - in
diesem Fall an der Therapiepraxis - verknüpft und in einer
Kunstform kanalisiert, die über das individuelle Problem hinaus
weist; der Akt des Schreibens aber gestaltet sich zur "heilsamen"
Lebenshilfe. - Daß Literatur grundsätzlich als
Therapieersatz, als Heilmittel gegen jegliche Malaise der Seele dienen
könnte, dieser Illusion sollte man sich jedoch nicht hingeben.
Im Labyrinth der Psychotherapie
Insa Sparrer, Psychologie heute, April 1986
Claudia Erdheims neues Buch "Herzbrüche" konzentriert sich auf die
Erfahrungen in einer primärtherapeutischen Gruppe. Der Grundton
ist bitter, ironisch und pessimistisch; schonungslos werden die
Schwächen von Therapeut und Gruppenmitgliedern beleuchtet. "Die
Analytiker können doch nichts bei sich behalten. Dabei halten sie
sich alle für schrecklich diskret." Das klingt dann oft schon sehr
überlegen: "Da reden's alle so g'scheit daher und glauben, sie
verstehen was von Analyse. Von Tuten und Blasen haben sie keine
Ahnung". Doch schließt sich die Autorin bei dieser Kritik auch
selbst keineswegs aus. "Meinen Voyeurismus kann ich endliche
befriedigen. Was die alles erzählen" und: "Ich kann ja schreiben,
was ich will. Es stimmt ja alles nicht. Jeder Analytiker wird mich ja
gleich als Pranoikerin oder Querulantin entlarven."
Machtkämpfe und Eifersüchteleien entbrennen zwischen den
Gruppenmitgliedern und dem Therapeuten: "Jetzt nimmt er immer die
anderen in Schutz. Völlig ungerechtfertigterweise. Aber ich hab ja
einen Gerechtigkeitsfimmel, weil ich nicht versteh, warum er den Bock
in Schutz nimmt, obwohl der Bock mir eine reinhaut." Oder an anderer
Stelle: "Der Erdheim ist nicht männlicher als ich weiblich ... Das
Bündnis der Männer gegen die Frauen. Unanziehend bin ich.
Warum hat er das dem Erdheim gesagt?"
Langwierige Abhängigkeiten entstehen: "Frau D: Ich finde das
schrecklich, daß die Leute alle so lange hierherkommen. Zwei
Jahre, Aber doch nicht zehn, fünfzehn Jahre ... Frau F: Und was
das kostet! ... In einem Jahr ist bei mir Schluß mit der
Therapie. Herr A: Ich möchte nicht aufhören. Frau B: Ich auch
nicht. Frau C: Ich auch nicht" Versuche, die Abhängigkeit
abzuwehren, treten hervor. "Herr E: Ein Patient hat sich einmal
während einer längeren Pause umgebracht ... Frau C: Das ist
eine schreckliche Depression, wenn man mit der Therapie unterbricht.
... Alle: Wenn ich will, kann ich jederzeit aufhören."
Immer mehr werden nun die Zweifel, am Therapeuten und an der Therapie
in den Mittelpunkt gerückt. "Der Harms ermuntert sie Männer
immer zum Fremdgehen; dem Erdheim hat er auch gesagt: vielleicht will
er einmal mit einer anderen Frau schlafen, eine hübsche Studentin"
und: "Zu jemandem, der seine eigenen Neurose so sehr in der
therapeutischen Situation agiert wie du, kann man kein Vertauen haben."
Und auch der Enderfolg wird fraglich: "Die Patienten schwätzen
schon wieder alles dem Harm nach. An meine Gefühle bin ich noch
nie herangekommen. Bin ich hier im Irrenhaus?" Die Klienten versuchen
mit ihren Krankheiten aufzutrumpfen, wodurch das "Kranksein" eine
positiven Anreiz bekommt. "Frau B: ... Meine Kindheit war am
schlimmsten. Herr: G: Meine Kindheit war schlimmer. Herr C: Nein, meine
war schlimmer. Alle: Ich bin am kränksten."
In einem Abschnitt mit der Überschrift "Das ist keine
Primärtherapie" versucht die Autorin der "Herzbrüche"
nachzuweisen, daß ihr Therapeut seine eigene Therapieform
verfehlt hat. Neben einigen mehr äußerlichen Kritikpunkten
wirft sie ihm vor, bei Berührung befangen zu sein und
psychoanalytisches Deuten anstatt einer die Regression fördernde
Kindersprache zu verwenden, was so Claudia Erdheim, "kein effizientes
Abreagieren des Affekts zuläßt. Es handelt sich also um eine
modifizierte Analyse, deren Resultat eine noch stärkere Fixierung
und Übertragung ist."
Widerstand oder berechtigte Kritik? Während der Therapeut sich
wiederholt hinter seiner Rolle und Machtposition versteckt, kämpft
die Autorin um mehr Echtheit und Ehrlichkeit von seiner Seite. Ist der
Klient im therapeutischen Prozeß hilflos den Deutungen seines
Analytikers ausgeliefert? Die Gefahren einer Therapie, in der die
Position des Therapeuten übermächtig und unangreifbar ist,
werden deutlich.
Ist Lernen nur möglich, wenn der Therapeut keine Fehler macht?
Kann, darf der Klient gleichberechtigter Partner im therapeutischen
Prozeß werden? Zerstört die Machtposition des Therapeuten
konstruktive Kritik von Seiten des Klienten? Fragen, die dieses Buch
aufwirft und an den Leser weitergibt.
Die Machposition des Therapeuten greift die Autorin immer häufiger
auch direkt an. "Wenn man sich wehrt, wenn einem Unrecht getan wird,
ist man rechthaberisch." Der Psychoanalyse wirft Claudia Erdheim im
Hinblick auf Bachofens Theorie vom Mutterrecht vor, daß die
biologische Überlegenheit der Frau, durch die Fähigkeit zu
gebären und zu stillen, bei Freud unberücksichtigt bleibt und
nur in Form von sexueller Lust und Kind als Penisersatz in seine
Theorie eingeht. Von daher wohl auch kein Zufall, daß Claudia
Erdheims Therapeut die Frauen in der Gruppe benachteiligt und zu den
Männern "hält"?
Was geschieht, wenn sich Verletzungen zu tief eingraben, wenn nicht
mehr genug Vertrauen aufgebaut werden kann, wird uns von Claudia
Erdheim drastisch vor Augen geführt. "Es gibt Verletzungen, die so
tief gehen, daß sie unverzeihlich sind. Ich werde Dich so
verletzen, wie Du mich verletzt hast. Du kommst da nicht ungeschoren
raus."
Doch immerhin gab die Therapie ihr den Anstoß, dieses Buch zu
schreiben. Also doch eine erfolgreiche Therapie? Vielleicht der letzte
Erfolg des Therapeuten? Oder waren Klient und Therapeut beide
Verlierer? Selbst in dieser von Katastrophen durchzogenen Therapie ist
die Beurteilung des Erfolges nicht eindeutig. Für den Therapeuten
ist die Therapie sicherlich ein Fehlschlag: Oder ist diese Sichtweise
auch nur der noch nicht überwundenen Grandiosität der
Klientin zuzuschreiben, die sich den eventuell nicht mit "ihrer"
Therapie zusammenhängenden Tod des Therapeuten wie ein Leistung
zuschreibt? Dann also eher ein Fehlschlag? Für wen?
Die Sichtweise des Therapeuten und der Gruppenmitglieder ist in diesem
Buch ausgespart. Der Therapieprozeß wird ganz aus dem Blickwinkel
der Autorin beschrieben, alle Personen sehen wir durch ihre Augen. Wenn
dadurch auch ein etwas einseitiges Bild der Therapie entworfen wird, so
liegt doch gerade in dieser Einseitigkeit etwas von der besonderen
Ehrlichkeit und Unmittelbarkeit der "Herzbrüche". Hier wird keine
"gerechte Ausgewogenheit" konstruiert oder vorgetäuscht, sondern
die persönliche Betroffenheit lebendig weitergegeben. Und das so,
daß jeder sein Fett wegkriegt, nicht zuletzt die Autorin selbst.
Und dazu gehört Mut.
Ein Buch, das zeigt, wie Therapie nicht verlaufen soll. Kann aus
Fehlern gelernt werden? Ist echte Hilfe im Rahmen der Therapie
möglich? Oder scheitert unsere Hilfe an unseren eigenen Fehlern?

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