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Herzbrüche
Szenen aus der psychotherapeutischen Praxis
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ISBN 3-85409-084-6





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Inhalt

"Donnerstag Gruppe: Freitag, Samstag, Sonntag: Nichts. Montag Gruppe: Dienstag, Mittwoch: Nichts."

Therapeutische Gruppentermine als Rettungsinseln in einem Meer des kalendarischen Nichts. Dahinter verbergen sich allerdings auch die Bruchstücke einer Odyssee durch einen schier unendlichen Tunnel der Psychotherapie (und, doch das nur nebenbei, einer Wienerin durch Norddeutschland).
Sehr eindringlich sind die Notate der sich einschleichenden Komplikationen: Rivalitäten zwischen den Patienten, das Gefühl, auch hier als Frau weniger geachtete zu sein, die Sucht nach Therapie, die Idealisierung des Thera- peuten.



Pendelt der Therapieprozeß zu Anfang noch hin und her zwischen Trauer und einer gewissen Komik, kommt es im weiteren Verlauf zur Katastrophe. Der Ehemann wird in das Geschehen miteinbezogen, und die viel beschworene Abstinenzregel gerät ins Hintertreffen. Unkontrollierte Emotionen, Aggressionen bringen die scheinbar sauer geschiedenen Bereiche von ärztlicher und persönlicher Bindung durcheinander: Die therapeutische Arbeit als Krankheit und Martyrium.




 


Rezensionen

Entfernung aus der Gruppe.
"Herzbrüche" - Claudia Erdheims Abrechnung mit der Psychoanalyse

Mira Beham, Süddeutsche Zeitung, 5. 2. 1986

Die österreichische Autorin Claudia Erdheim, gebranntes Kind einer Psy­cho­analytikerin und selbst jahrelang Patientin, greift in ihrem zweiten Roman "Herzbrüche" am Beispiel ihrer eigenen Fallgeschichte jene Mängel anayltischer Interaktionsformen auf, die einer möglichen psychischen Gesundung des einzelnen zuwiderlaufen. Statt zu polemisieren, arbeitet sie mit analytischem Wissen und zeichnet das Psychogramm einer Entpersönlichung durch Therapie. Und im Unterschied zu anderen Verfassern literarisierter Erfahrungsberichte, die ihr freigesetztes Aggessionspotential in larmoyanten Selbstbespie-gelungen verpuffen lassen und die Bedeutung literarischer Qualität hintanstellen, spielt Claudia Erdheim erfolgreich mit der entlarvenden und zersetzenden Wirkung der Parodie. Hilfreich ist ihr hier die ohnehin vorhandene unfreiwillige Komik einer Gruppensituation, die nach den Gesetzmäßigkeiten von (Selbst-)Betrug und Irrtum funktionieren.
In kurzen lakonischen Sätzen vermittelt die mit der Autorin identische Ich-Erzählerin ihre widersprüchlichen Empfindungen und Erlebnisse in einer therapeutischen Gruppe. Scheinbar locker - im wienerisch gefärbten Ton - schreibt sich die Autorin ihre Wut von der Seele, schreibt jedoch auch, um der Ohnmacht zu entkommen. Ihr Zorn kreist um den Therapeuten - ein Musterexemplar des traditionellen Analytikers, der sich in maßloser narzißtischer Selbstüberschätzung gefällt und seinen Allmachts­ansprüch von der ihn idealisierenden Gruppe bestätigt bekommt. Im ersten Teil des Romans ist die Ich-Erzählerin in ihrer Haltung gegenüber dem Analytiker noch ambivalent, läßt sich von der Dynamik der Gruppe (die in zwischengeschobenen Dialogen karikiert wird) noch täuschen. Im weiteren Verlauf des Buches dominiert dann die ganz persönliche Auseinandersetzung und Abrechnung mit dem Therapeuten - eine Rebellion auch gegen den patriarchalen Charakter der Psychoanalyse. Die Patientin weigert sich die vorgegebenen gruppentherapeutischen Strukturen zu akzeptieren, weil sie sich davon keine Hilfe aus ihren persönlichen Nöten versprechen kann. Da sie zudem erkennt, daß die psychoanalytische Theorie Frauen und die weibliche Sexualität als minderwertig betrachtet, müßte sie sich selbst zuwider handeln, wenn sie sich anpaßte. Ihrem Ausschluß aus der Gruppe kommt sie zuvor, indem sie sich selbst, geplagt von Depressionen und Schuldgefühlen, in eine zweifelhafte Freiheit entläßt.
"Kunst und Therapie haben ein Ziel: Befähigung zum eigenen Leben", heißt es in Adolf Muschgs Frankfurter Vorlesungen über "das Heilsame und das Unheilbare". Wenn der therapeutische Charakter des Kunstwerkes - so wie Muschg vermutete - in der Um- und Freisetzung von Phantasie und Erinnerungen liegt und in der damit verbundenen Vergegenwärtigung von Konflikten, dann ist Claudia Erdheims Roman "Herzbrüche" ein Paradebeispiel literarisierter und literarischer Lebensbewältigung. Ähnlich wie in Fritz Zorns "Mars" etwa, werden hier autobiographische Erfahrungen mit fundamentaler Kritik - in diesem Fall an der Therapiepraxis - verknüpft und in einer Kunstform kanalisiert, die über das individuelle Problem hinaus weist; der Akt des Schreibens aber gestaltet sich zur "heilsamen" Lebenshilfe. - Daß Literatur grundsätzlich als Therapieersatz, als Heilmittel gegen jegliche Malaise der Seele dienen könnte, dieser Illusion sollte man sich jedoch nicht hingeben.


Im Labyrinth der Psychotherapie
Insa Sparrer, Psychologie heute, April 1986

Claudia Erdheims neues Buch "Herzbrüche" konzentriert sich auf die Erfahrungen in einer primärtherapeutischen Gruppe. Der Grundton ist bitter, ironisch und pessimistisch; schonungslos werden die Schwächen von Therapeut und Gruppenmitgliedern beleuchtet. "Die Analytiker können doch nichts bei sich behalten. Dabei halten sie sich alle für schrecklich diskret." Das klingt dann oft schon sehr überlegen: "Da reden's alle so g'scheit daher und glauben, sie verstehen was von Analyse. Von Tuten und Blasen haben sie keine Ahnung". Doch schließt sich die Autorin bei dieser Kritik auch selbst keineswegs aus. "Meinen Voyeurismus kann ich endliche befriedigen. Was die alles erzählen" und: "Ich kann ja schreiben, was ich will. Es stimmt ja alles nicht. Jeder Analytiker wird mich ja gleich als Pranoikerin oder Querulantin entlarven."
Machtkämpfe und Eifersüchteleien entbrennen zwischen den Gruppenmitgliedern und dem Therapeuten: "Jetzt nimmt er immer die anderen in Schutz. Völlig ungerechtfertigterweise. Aber ich hab ja einen Gerechtigkeitsfimmel, weil ich nicht versteh, warum er den Bock in Schutz nimmt, obwohl der Bock mir eine reinhaut." Oder an anderer Stelle: "Der Erdheim ist nicht männlicher als ich weiblich ... Das Bündnis der Männer gegen die Frauen. Unanziehend bin ich. Warum hat er das dem Erdheim gesagt?"
Langwierige Abhängigkeiten entstehen: "Frau D: Ich finde das schrecklich, daß die Leute alle so lange hierherkommen. Zwei Jahre, Aber doch nicht zehn, fünfzehn Jahre ... Frau F: Und was das kostet! ... In einem Jahr ist bei mir Schluß mit der Therapie. Herr A: Ich möchte nicht aufhören. Frau B: Ich auch nicht. Frau C: Ich auch nicht" Versuche, die Abhängigkeit abzuwehren, treten hervor. "Herr E: Ein Patient hat sich einmal während einer längeren Pause umgebracht ... Frau C: Das ist eine schreckliche Depression, wenn man mit der Therapie unterbricht. ... Alle: Wenn ich will, kann ich jederzeit aufhören."
Immer mehr werden nun die Zweifel, am Therapeuten und an der Therapie in den Mittelpunkt gerückt. "Der Harms ermuntert sie Männer immer zum Fremdgehen; dem Erdheim hat er auch gesagt: vielleicht will er einmal mit einer anderen Frau schlafen, eine hübsche Studentin" und: "Zu jemandem, der seine eigenen Neurose so sehr in der therapeutischen Situation agiert wie du, kann man kein Vertauen haben." Und auch der Enderfolg wird fraglich: "Die Patienten schwätzen schon wieder alles dem Harm nach. An meine Gefühle bin ich noch nie herangekommen. Bin ich hier im Irrenhaus?" Die Klienten versuchen mit ihren Krankheiten aufzutrumpfen, wodurch das "Kranksein" eine positiven Anreiz bekommt. "Frau B: ... Meine Kindheit war am schlimmsten. Herr: G: Meine Kindheit war schlimmer. Herr C: Nein, meine war schlimmer. Alle: Ich bin am kränksten."
In einem Abschnitt mit der Überschrift "Das ist keine Primärtherapie" versucht die Autorin der "Herzbrüche" nachzuweisen, daß ihr Therapeut seine eigene Therapieform verfehlt hat. Neben einigen mehr äußerlichen Kritikpunkten wirft sie ihm vor, bei Berührung befangen zu sein und psychoanalytisches Deuten anstatt einer die Regression fördernde Kindersprache zu verwenden, was so Claudia Erdheim, "kein effizientes Abreagieren des Affekts zuläßt. Es handelt sich also um eine modifizierte Analyse, deren Resultat eine noch stärkere Fixierung und Übertragung ist."
Widerstand oder berechtigte Kritik? Während der Therapeut sich wiederholt hinter seiner Rolle und Machtposition versteckt, kämpft die Autorin um mehr Echtheit und Ehrlichkeit von seiner Seite. Ist der Klient im therapeutischen Prozeß hilflos den Deutungen seines Analytikers ausgeliefert? Die Gefahren einer Therapie, in der die Position des Therapeuten übermächtig und unangreifbar ist, werden deutlich.
Ist Lernen nur möglich, wenn der Therapeut keine Fehler macht? Kann, darf der Klient gleichberechtigter Partner im therapeutischen Prozeß werden? Zerstört die Machtposition des Therapeuten konstruktive Kritik von Seiten des Klienten? Fragen, die dieses Buch aufwirft und an den Leser weitergibt.
Die Machposition des Therapeuten greift die Autorin immer häufiger auch direkt an. "Wenn man sich wehrt, wenn einem Unrecht getan wird, ist man rechthaberisch." Der Psychoanalyse wirft Claudia Erdheim im Hinblick auf Bachofens Theorie vom Mutter­recht vor, daß die biologische Überlegenheit der Frau, durch die Fähigkeit zu gebären und zu stillen, bei Freud unberücksichtigt bleibt und nur in Form von sexueller Lust und Kind als Penisersatz in seine Theorie eingeht. Von daher wohl auch kein Zufall, daß Claudia Erdheims Therapeut die Frauen in der Gruppe benachteiligt und zu den Männern "hält"? Was geschieht, wenn sich Verletzungen zu tief eingraben, wenn nicht mehr genug Vertrauen aufgebaut werden kann, wird uns von Claudia Erdheim drastisch vor Augen geführt. "Es gibt Verletzungen, die so tief gehen, daß sie unverzeihlich sind. Ich werde Dich so verletzen, wie Du mich verletzt hast. Du kommst da nicht ungeschoren raus."
Doch immerhin gab die Therapie ihr den Anstoß, dieses Buch zu schreiben. Also doch eine erfolgreiche Therapie? Vielleicht der letzte Erfolg des Therapeuten? Oder waren Klient und Therapeut beide Verlierer? Selbst in dieser von Katastrophen durchzogenen Therapie ist die Beurteilung des Erfolges nicht eindeutig. Für den Therapeuten ist die Therapie sicherlich ein Fehlschlag: Oder ist diese Sichtweise auch nur der noch nicht überwundenen Grandiosität der Klientin zuzuschreiben, die sich den eventuell nicht mit "ihrer" Therapie zusammenhängenden Tod des Therapeuten wie ein Leistung zuschreibt? Dann also eher ein Fehlschlag? Für wen?
Die Sichtweise des Therapeuten und der Gruppenmitglieder ist in diesem Buch ausgespart. Der Therapieprozeß wird ganz aus dem Blickwinkel der Autorin beschrieben, alle Personen sehen wir durch ihre Augen. Wenn dadurch auch ein etwas einseitiges Bild der Therapie entworfen wird, so liegt doch gerade in dieser Einseitigkeit etwas von der besonderen Ehrlichkeit und Unmittelbarkeit der "Herzbrüche". Hier wird keine "gerechte Ausgewogenheit" konstruiert oder vorgetäuscht, sondern die persönliche Betroffenheit lebendig weitergegeben. Und das so, daß jeder sein Fett wegkriegt, nicht zuletzt die Autorin selbst. Und dazu gehört Mut.
Ein Buch, das zeigt, wie Therapie nicht verlaufen soll. Kann aus Fehlern gelernt werden? Ist echte Hilfe im Rahmen der Therapie möglich? Oder scheitert unsere Hilfe an unseren eigenen Fehlern?




 


Textprobe

... Eigentlich wollte ich gar nicht in die Gruppe. Da bin ich so reingeraten. Ich hab gar nicht gewußt, daß der Harms Gruppenmacht. Ich bin ja hergekommen, weil ich eine Primärtherapie machen will. Die Gruppen sind zum Warten da. Aber die Gruppe ist doch viel provokativer als die Einzelanalyse. Da tut sich was. Jetzt sind Schulferien, jetzt sind nicht viele Leute da. Jetzt könnt ich wieder einmal was sagen. Der Bock ist trotzdem jedes Mal da. Fährt der gar nicht weg? Mich will er ja auch los sein. Er fragt immer, wann ich auf Urlaub fahr. Alle g'hörn sie weg. Heute wird ich anfangen. Ich muß von der Haas erzählen. Vom Ende der Analyse. Ich kann immer noch an nichts anderes denken. Rausgeschmissen hat sie mich. Krank ist sie geworden. Ein Herzleiden hat sie und daran bin ich schuld. Völlig abrupt hat sie die Anaylse beendet. Haas. Analyse. Promotion. Rausgeschmissen. Herzleiden. Sie sind völlig hypnotisiert. Das hab ich doch erst kürzlich im Grotjahn gelesen,daß manche Patienten nach der Einzelanalyse hypnotisiert wirken. Die eine mit dem Trachtenjackerl ist jetzt eigentlich ganz nett. Ein bißchen mütterlich. Das ist ganz angenehm. Wenn der Bock was sagt, kommt es immer so grob heraus, auch wenn's gar nicht so gemeint ist. Eigentlich weint sie. Ich mag diesen Tonfall nicht. Ich wein ja gar nicht. Danach zumute ist mir schon. Das hat sogar der Bock bemerkt. Mir ist das schon wieder peinlich. Wenn man den Mund zudeckt, weint sie eigentlich, wenn sie so lacht. Ich weiß eh, daß ich nur lach, weil ich traurig bin. Der Harm nickt immer nur und lächelt freundlich dazu. Mir kommt sie vor, als ob sie einen Kloß im Hals hätte, so wie ich. Die hat also einen Knödel im Hals. Ich hab doch keinen Knödel im Hals. Globus hystericus. Ich weiß von keinem Knödel im Hals was. Der Harms nickt aber dazu. Er hat auch den Eindruck, daß ich einen Kloß im Hals hab. Jetzt bin ich als Hysterie abgestempelt. Nichts anmerken lassen. Auf gar keinen Fall darf ich zu weinen anfangen. Ich geh gar nicht drauf ein.