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Ohnedies höchstens die Hälfte Inhalt
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ISBN 3-85409-110-9




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Inhalt

Was ist das für eine Geschichte: Kein Krimi und doch reichlich kriminalistisch, keine langatmige Schilderung von blassen Intellektuellen und doch eine kleine Milieustudie aus dem Bannkreis eines akademischen Zirkels. Keine Insidergeschichte aus Wien, aber doch eine lokale Studie über Kaffeehäuser, Antiquariate und wissenschaftliche Institute der Donaumetropole. Eine Geschichte, die fast wie nebenbei eingefädelt wird.
Zug um Zug wird der Leser mit den Romanfiguren nicht vertrauter, aber bekannter, mit Hans und Peter zum Beispiel, die in einer bizarren Struktur aus Verdächtigungen, Heimlichtuereien und aberwitzigen Verhaltensweisen verhaftet sind, welche Marina nach und nach erkundet. Marina, die dritte Hauptperson

im Bunde, begibt sich aus Neugierde und mit dedektivischem Scharfsinn auf Spurensuche. Dabei entdeckt sie etwas wie einen roten Faden, oder bessere mehrere, die sie für den Leser Stück für Stück aufrollt: Wer erpreßt wen? Wer ist der geheimnisvolle Hugo Hartmann? Wer macht mit wem Geschäfte? Geht es um Schulden, Drogen, wertvolle gestohlene Bücher? Um die Verlängerung eines Lehrauftrages? Um alles zusammen oder um ganz etwas anderes?



 

Rezensionen

Wahn in der Wienzeile
Georg Eyring, 6. 5. 1988

Wanderschaften. Sie führen von der Linken und Rechten Wienzeile, über Naschmarkt und Karlsplatz, der Urania zu - durch den Bauernmarkt zum Graben in die Blutgasse - von der Plankengasse bis zur Stallburg oder über die Marienbrücke zum Morzinplatz, aber nicht durch die schon seit der Schulzeit verhaßte Wipplingerstraße. Streifzüge werden unternommen zu Deuticke, Schaden, Gilhofer, Walter Klüngel, Heck, Ferenczi, Löcker + Wögenstein und in das Antiquariat in der Lerchenfelderstraße.
In Claudia Erdheims Roman "Ohnededies höchstens die Hälfte" zieht Marina aus, um zu entschlüsseln, was um sie vorgeht, ihr aber unerklärlich ist. Marina ist vernünftig. Aber vielleicht hat sie einen Wahn.
Marina ist Programmiererin. Sie ist die Freundin von Hans, der sie aber eigentlich nicht leiden kann. Hans ist Universitätsprofessor, "internationaler Ruf", 45, arriviert und chaotisch. Hans hat verdrehte Schlafgewohnheiten und einen gräßlichen Hang zu Büroklammern, mit denen er seinem Ohrenschmalz zu Leibre rückt.
In der Wohnung von Hans wird eine Scheibe eingeworfen mit einer Weinflasche. Im Stockwerk darüber wohnt Peter, der betrunken ist und sich umbringen will, sagt er. Hans sagt: "Nichts wird geschehen." Absurde Telefonate, Wirrwarr, Pallawatsch. Hans schläft, Peter weint, das Telephon läutete.
Marina hat es satt, wittert Unrat überall, kombiniert, macht sich verrückt und beschließt, dahinterkommen zu wollen was sie sich nicht merken, die anderen aber kalt läßt.
Peter hat einen Lehrauftrag für Politik, der aber in Gefahr ist. Er ist vollkommen chaotisch, aber nett vielleicht auch ein bißchen kriminell - irgendwie mit Rauschgift, alten Büchern und Graphiken.
Die Ärztin, die Psychiaterin aber wenig hilfreich, die Peter auch kennt, weil ohnedies jeder jeden kennt, hat einen Lebensgefährten, die Unperson, die ihr alles nach plappert, also ziemlich blöd ist.
Professor Glück ist nicht wichtig, aber nett; er ist "auf jedermans Seite". Wichtig aber ist die Professorin, die Bücher und Graphiken aus der Donaumonarchie sammelt und einen Assistentin hat, die vorkommt, weil Peter mal etwas mit ihr hatte, der dubiose Frauengeschichten hat und nervös und gefährdet ist oder das jedenfalls vorgibt.
"Unser aller Schicksale sind vermutlich geschaffen, um gelebt, nicht aber um verstanden zu werden." Diese Erkenntnis Marcel Prousts ist der Gegensatz zu dem, was Marina nicht lassen kann. "Es gibt nichts zu wissen! Marina will es aber wissen. Und so wächst die Verdacht, daß die Dinge nur noch deshalb geschehen, weil Marina sie beobachtete und ihre Kombinationen anstellt. Schließlich besteht Wien fast nur aus Literatur.
Vielleicht hat Marina einen Wahn. Marina ist Autistin. Sie will vor allem ihren Vermutungen auf die Spur kommen. Dafür tappt sie kreuz und quer am hellichten Tag im Dunkeln und prognostiziert, registriert und falsifiziert Konstellationen. Sie gerät in immer größere Distanz zu dem, was um sie vorgeht. Ihre Wege sind das Ziel.
Dieser dritte Roman Claudia Erdheims ist absurd und amüsant. Die Heldin ist eher negativ, geht aber positivistisch vor. Sie will ihrer Wirklichkeit auf die Spur kommen, nur sich überzeugen, niemanden sonst. Und der Leser zieht mit - nicht zu seinem Schaden. Ein abgedruckter Plan der Inneren Stadt hilft ihm ebenso wie ein Glossar der Restaurants, Caféhäuser und Viennismen.
Noch nie ist knapper gnadenloser dieser ganze postmoderne Muff der jetzt etablierten und der Politik entronnenen Akademiker um die 40 geschildert worden, die vor allem mit ihrer Karriere und ihren Neurosen kommunizieren. Und in allem waltet das böse, vercliqute und verklatschte Wien und die Einsicht in die unauswechlichen Notwendigkeiten von Isolation und Resigantion. "Dies Österreich ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält." (Hebbel)
Hans geht das ohnedies nichts an - Hans ist ohnedies unschuldig - Hans erfindet schon wieder eine ganz miese Ausrede, die ohnedies jeder durchschaut - Möglicherweise hat ohnedies alles nichts zu bedeuten - Wieso soll Peter mit Hans in die Bibliothek gehen, wo Hans doch ohnedies immer allein in die Bibliothek geht - dafür muß er sich jetzt für jeden Groschen die Haxen ausreißen, während diese Arschlöcher ohnedies genug Geld haben - Obwohl Marina weiß, daß Hans ihre Neugierde nicht ausstehen kann und daß sie vermutlich ohnedies nicht die Wahrheit erfährt ... - Hans hört ohnedies nichts - Würde Marina ihn fragen, wo er sich herumtreibt, bekäme sie ohnedies nur eine Lüge als Antwort.
Davon abgesehen kann sie Hans und Peter ohnedies nicht im Auge behalten, weil sie nachtblind ist.


Elsbeth Wolffheim
Der Rabe, 1988, H. 22 S 198

Claudia Erdheims dritter Roman spielt im Wiener Universitätsmilieu und hat zum Hintergrund irgendwelche kriminellen Machenschaften, in die ein Professor und ein Lehrbeauftragter verwickelt sind, wie sehr, das wird Schritt für Schritt aufgedeckt, wenn - ob in Drogenhandel und/oder Unterschlagung von wertvollen Bibliotheksbüchern - das bleibt halbwegs im Dunkeln. Aber das ist auch gar nicht entscheidend. Was an diesem Roman besticht, ist die Erzählung, die sich zu keinerlei Erklärung oder Deutung herbeiläßt, sondern immer neue Verdachtskonstellationen aufbaut, wieder verwirft, neue konstruiert und dadurch den Eindruck eines undurchdringlichen Chaos erzeugt. Die Gegenbewegung gegen diese Chaos wird durch die rasante sprachliche Präzision der Autorin hergestellt, die mit unterkühlter Ironie, kunstvoller Sachlichkeit und entlarvender Komik die Handlungsfäden kommentarlos entknotet und ordnet. Das ist meisterlich gelungen und verschafft einen intellektuellen Genuß von hohen Graden.



 

Textprobe

Hans hat einen Freund. Kein wirklicher Freund, weil Hans keinen wirklichen Freund hat, aber so etwas, was man einen Freund nennen kann. Peter Fichtel. Peter ist fünf Jahre jünger als Hans und wohnt im selben Haus. Hans hat auch eine Freundin, obwohl er Frauen haßt. Sie heißt Marina und übernachtet gelegentlich bei Hans, nicht zu oft, weil Hans sie nicht mag und weil sie weiß, daß Hans lügt. Sie kennt auch Peter, von dem sie weiß, daß er auch lügt und daß er viele Freundinnen hat, die keine Bedeutung für ihn haben, und daß er schon einmal etwas mit der Polizei zu tun hatte im Ausland. Hans' Wohnung besteht vorwiegend aus Büchern und Betten. Er ist eigentlich eher unreinlich und läßt keine Bedienerin in seine Wohnung. Hans hat jahrelang geschnupft, bis er eines Tages vor der Wahl stand, nichts mehr zu schmecken oder das Schnupfen aufzugeben. Seither raucht er Virginier und denkt, er ist Nichtraucher. Früher war die Wohnung mit Schnupftabak übersät. Das Bettzeug war schwarz, die Bücher auch, der Fußboden mit Tabakbröseln überzogen, die Fingernägel waren schwarz. Strohalme und Asche ersetzen jetzt den Schnupftabak. Hans leidet auch an einer Überproduktion von Ohrenschmalz und verfügt über ein ausgezeichnetes Gehör. Wegen des vielen Ohrenschmalzes muß sich Hans ständig die Ohren reiben. Hans besorgt dies mit einer umgebogenen Büroklammer. Vom Ohrenschmalz ungereinigte Büroklammern bedecken ebenfalls den Boden. Hans fühlt sich wohl. Marina will jetzt öfter Hans besuchen, was ihm gar nicht paßt. Marina überwacht Hans und Hans Marina. Hans muß wieder gelogen haben. Hans hat nämlich telefoniert. Das hat Marina am Hörer gerochen. Hans rasiert sich nur sehr selten. Deshalb riecht der Hörer auch nur sehr selten nach Hans' Rasierwasser, genaugenommen immer nur dann, wenn er gerade telefoniert hat, nachdem er sich rasiert hatte. Und Hans ist glatt rasiert. Hans bietet Marina wieder eine seiner schamlosen Ausreden an. Er weiß es nicht mehr genau, mit Busch oder Keller. Kollegen. Hans kann um sieben Uhr am Abend nicht vergessen haben, mit wem er am Nachmittag telefoniert hat. Er streitet auch gar nicht ab, telefoniert zu haben. Hans weiß immer, mit wem er telefoniert hat. Also lügt Hans.