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Karlis Ferien Inhalt
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ISBN 3-85409-231-8




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Inhalt

"Karlis Ferien" ist die Reise eines Gourmets durch französische Sternerestaurants. Ein Mann mittleren Alters fährt allein von Restaurant zu Restaurant und genießt Speisen und Weine wie Kunstwerke. "Die Feichtinger" erzählt von einer Wahnsinnigen, die mit nächtlichem Klopfen und sexuellen Beschimpfungen das ganze Haus terrorisiert, bis sie schließlich eine Psychoanalytikerin, die sich sehr für sie eingesetzt hat, umbringt. In "Der Erdheimstammtisch" treffen zwischen Weihanchten und Neujahr verwandte und angeheiratete Familienmitglieder einander, streiten, terrorisieren einander und führen absurde Gespräche. "Sufisticated" ist eine kurze Geschichte, in der ein Treffen zwischen Ich-Erzählerin und

einem Universitätsassistenten geschildert wird, um gemeinsam an einer Übersetzung zu arbeiten, was aber daran scheitert, daß der Koübersetzer dem Islam verfallen ist und lieber in die Moschee geht und betet statt zu übersetzen. Die letzte Erzählung schließlich "Die Welt besteht im Hinhauen" spielt ebenfalls an der Universität. Es geht um Intrigen, Schaumschlägerei, sinnlose Bewunderung, Haß und Rivalität.



 

Rezensionen

Normaler Wahnsinn.
Die bösen Erzählungen der Wienerin Claudia Erdheim

Thomas Kraft, Landshuter Zeitung, 31.8.1994

Klatsch und Tratsch, Intrigen und Eitelkeiten, strapazierte Nerven und schrille Ausbrüche - mit bissigem Wiener Schmäh inszeniert Claudia Erdheim in ihrem Erzählband "Karlis Ferien" scheinbar harmlose Situationen, die nur durch einen kleinen Klick aus den Fugen geraten und eine derart irrwitzige Eigendynamik entwickeln, daß die beteiligten Personen nunmehr in paranoide Verstörung verfallen oder ihre Aggressivität offen ausleben. Als Tochter der Psychoanalytikerin Tea Genner-Erdheim für den ganzen "Psychoscheiß" schon sensibilisert, hat Erdheim die kleinen Gemetzel und Grausamkeiten des normalen Wahnsinns sehr genau beobachtet und mit giftsprühendem Charme in fast archaische Szenen übersetzt, die jeder kennt und die doch so unwirklich erscheinen. Die Titelgeschichte, wie "Suffisticated" schon ein älterer Text, erzählt von einem ängstlichen Hochschulassistenten, der die einstmalige Aufforderung seiner Oma - "Tu fest essen, Karli" - zur Lebensmaxime erhoben hat und seine freie Zeit nun im Examinieren von Gourmettempeln vergeudet. Seine kurze Reise durch französische Restaurants gleicht einer Wallfahrt, der ersehnte Genuß degeneriert durch selbstauferlegten Zwang zur Anstrengung, die Neigung zur Perversion. Im Psychogramm "Die Feichtigner" beschreibt Erdheim aus Sicht einer Hausbesitzerin die Streitigkeiten in einem Mietshaus, das von einer offenkundig neurotischen Bewohnerin terrorísiert wird. Krankhafte Neugier und lautstarke Beschwerden, Verleumdungen und Selbstjustiz prägen den unaufhaltsam eskalierenden Konflikt, der gewaltsam endet und die Frage im Raum stehen läßt, wer nun wirklich den Blick für die Realität verloren hat.
Die Erzählung "Der Erdheimstammtisch" karikiert, wohl dem eignen Erleben der Autorin nachempfunden, ein turbulentes Familientreffen zu Weihnachten, das vor einem hohen Erwartungshorizont durch Eifersüchte und Sticheleien in ein chaotisches Mißverständins abdriftet. Und während in "Suffisticated" eine Wissenschaftlerin zu einem befeundeten Kollegen reist, um endliche die Übersetzung eines sprachphilosophischen Textes fertigzustellen und durch dessen Faulheit und Unbekümmertheit nahe an den Rand des nervlichen Ruins getrieben wird, öffnet die Erzählung "Die Welt besteht im Hinhauen" den Blick hinter die Kulissen des universitären Betriebs mit seinen Protektionen, Seilschaften und Klüngeleien.
Der Reiz dieser Erzählungen liegt in ihrer sprachlichen Suggestivität. Der Erzählton ist lakonisch, der Humor schelmisch-böse, die Figuren typisiert und die Handlung ausdrucksstark. Aber schließlich spekuliert die Autorin ja in ihrem "Gewerbe" auf Leser, nach dem Motto: "Wer eine Bude am Markt hat, muß schreien". Und wer etwas zu erzählen hat wie Claudia Erdheim, dem hört man auch gerne zu.


Erich Schirhuber
Neue Wiener Bücherbriefe Heft 4/94

Wendelin Schmidt-Dengler schrieb über ein früheres Buch der Erdheim über ein früheres Buch der Erdheim: "Es scheint harmlos, witzig, satirisch." Ein Wiener Germanistikprofessor, das Vorbild zu erraten ist nicht eben schwer, wird nun von ihr charakterisiert: "Der Müller-Wolf, das brave Bubi, der schon in der Schule Ordner war und der noch immer einen Seitenscheitel hat und der schon seit seiner Jugend wie ein griesgrämiger Greis ausschaut." Ist es dem Gescholtenen ein Trost, daß an anderer Stelle andere Gestalten - die übrigen Wiener Germanisten, ein verfressener Philosoph, die Mieter des Erdheimschen Hauses, ihre Familie auch - literarisch hergewatscht werden, wie man es selten erlebt? Wer getraut sich noch, einfach so, von "Narren, die schon ganze Familien ausgerottet haben" zu reden, von "Tschuschen" - beides im, wie dem Rezensenten scheint, gelungensten Text der kleinen Sammlung. "Die Feichtinger" genannt, ein tatsächlich mehr als bedrückendes Bild einer Hausgemeinschaft mit Betonung auf "gemein". Hier wird auch der Tonfall in einer Weise plastisch, daß sich ins Schmunzeln und Lachen das Gruseln mischen muß. Dort wo viele Autoren meinen, diffuse Begriffe wie "Takt" oder "Geschmack" würden ihnen Grenzen setzen, wird die studierte Logikerin erst richtig warm. "Aufs Liebsein wird gschissen" heißt es an einer Stelle, ein bißchen versteckt zwischen allerlei Tiraden gegen "Müller-Wolf". Ein herber Sager, der nicht übersehen werden sollte: eine Autorin stellt sich in die Texte selbst als "Erdheim" hinein, als Hausbesitzerin, der ihre Mieter unsäglich auf den Nerv gehen, als "anzwiederte" Mitarbeiterin bei einem Projekt, als irgendwie belästigte Protokollantin einer Familienweihnacht. Wer allerdings meint, er sei ein guter Mensch und denke derlei nie, der werfe den ersten Stein ...



 

Textprobe

Im Crocodile anzurufen hat gar keinen Sinn. Da kriegt er für heute abend sicher keinen Tisch mehr. Macht nichts. Das kennt er eh schon. Es gibt ja auch noch andere interessante Restaurants in Straßburg. Mal im Michelin nachschauen. Wie wär's denn mit dem Buerehiesel. Das hat zwar nur einen Stern. Dafür soll es sehr schön liegen. Im Park der Orangerie. Das schaut er sich jetzt einmal an. Er ruft gleich an und bestellt einen Tisch. Das hat geklappt. Er nimmt natürlich das große Menü. Tu fest essen, Karli, hat seine Oma immer gesagt. Essen, lernen, ausruhen, essen, schlafen. Die Alte hat ein einfaches, aber klares Weltbild gehabt. Jetzt war er so fleißig und hat so einen schönen Vortrag gehalten. Jetzt gönnt er sich was. Das darf er schon. Was soll er denn für einen Wein nehmen. Zum Fisch natürlich einen Elsässer Riesling. Zu den Rehnüßchen nimmt er einen Bordeaux. In Frankreich gibt es keine halben Flaschen. Aber es muß ein weißer und ein roter sein. Macht nichts. Das wird ihn heiter stimmen. Lachstartar. Mhm. Gar nicht so übel. Frisch, ein Hauch von Meer. Vielleicht eine Spur zu sauer. Der Wein ist vorzüglich. Rassig, fruchtig, mit dezenter Blume. Streng genommen hätte sich eher ein weißer Burgunder gehört. Ein bißchen zu viel Limone ist im Tartar. Oder bildet er sich das nur ein? Seezunge in Gurkensauce. Die Sauce ist originell; samtig; der Fisch gerade richtig in der Konsistenz. Wieso haben die nur einen Stern? Bis jetzt kann er nicht sagen, daß das Essen hier schlechter ist als beim Witzigmann. Was ist das für ein Fleisch? Das kennt er gar nicht. Das muß irgendein Vogel sein. Da muß er zu Hause nachlesen. Schmeckt sehr apart. Die Bedienung läßt aber zu Wünschen übrig. Im Crocodile ging das Schlag auf Schlag. Was ist denn mit der Kellnerin los? Das Sorbet ist nicht besonders bemerkenswert. Die Rehnüßchen sind tadellos. Innen noch rosa, fast blutig. Wirklich nicht schlechter als beim Witzigmann. Die Sauce ist etwas dünn; beim Witzigmann ist sie voller; er bindet sie auch mit Gänseleber; vielleicht ist das so besser? Der Bordeaux ist subtil; aber ist er nicht zu jung? Einen wirklich alten Bordeaux kann man sich ja gar nicht leisten. Wie wohl ein 45-er Latour schmeckt? Wenn er einen Ruf kriegt, wird er einen trinken. Dann ist er ja Beamter auf Lebenszeit. Vielleicht haben sie nicht so ein großes Repertoir, daß sie nur einen Stern haben. Die Kellnerin läßt sich wieder ganz schön Zeit. Das kann doch nicht wahr sein. Seine Stirn umwölkt sich. Er hat sich doch nicht getäuscht. Sie stinkt wirklich penetrant nach Schweiß. Das ist stark. Die Käseplatte ist wie immer wunderbar. In Frankreich gibt es noch einen Dessertwagen. Himbeersorbet, Brombeersorbet - göttlich - weiße Schokoladetorte. Noch ein Nachschlag vom Sorbet. Kaffee, Cognac, Zigarre. Jetzt wird's behaglich. Er sollte bezahlen und langsam ins Hotel fahren.