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Rezensionen
Internet des Literaturhauses Wien
Christine Rigler, 15. Juni 1999
Die Grundkonstellation der beiden Erzählungen in diesem Band ist
bereits aus früheren Arbeiten Erdheims bekannt: die Ich-Erzählerin
weist biografische Übereinstimmungen mit der Autorin auf. Sie heißt
hier sogar Claudia (auch ein Ex-Mann namens Erdheim wird erwähnt)
und lebt als Schriftstellerin in Wien. Beide Erzählungen kreisen um
Aufenthalte in Osteuropa, der am Klappentext angekündigte
Rußlandroman spielt auch eine gewisse Rolle.
Der erste Teil handelt von einer merkwürdigen Frau namens Virve,
sie ist estnisch-schwedischer Herkunft, arbeitet als Auslandslektorin
in Wien und herrscht inoffiziell über die Besetzung von
Universitätsposten in Estland. Porträtiert wird sie vorwiegend über
Gespräche und Begegnungen mit der Ich-Figur, die aus ihren
Erinnerungsfragmenten ein wenig freundliches Bild montiert: Demnach
verhält sich Virve unkollegial, unverschämt und
intrigant - Eigenschaften, die sie zwar allseits unbeliebt machen,
offensichtlich aber die Karriere fördern. Darin liegt nämlich der
Clou dieser Geschichte: Die Schilderung Virves als Unperson endet
trocken mit der Nachricht, daß diese zur estnischen Botschafterin in
Österreich ernannt werde.
Beide Erzählungen beschreiben am Rande auch die Lebensbedingungen
von Schriftstellern. Wird in "Virve" vor allem die Abhängigkeit von
einem hinterfotzigen Literatur-/Wissenschaftsbetrieb angedeutet, so
hindert in "Reis, Huhn, Fisch" chronischer Durchfall die Erzählfigur
am Schreiben; schließlich wird ihr Leiden aber zum Anlaß bzw.
Stoff für die vorliegende Geschichte. Keiner der aufgesuchten Ärzte,
auch nicht die Koryphäen, können helfen, die verschiedensten
Untersuchungsmethoden und Therapien werden angewandt: Schulmedizin,
Naturheilkunde, Akupunktur, - der Durchfall bleibt und überschattet
in zunehmendem Ausmaß den Alltag. Der Speiseplan reduziert sich auf
Reis, Huhn und Fisch, die psychische Belastung wächst. Ärzte wie
Bekannte reagieren mit der Zeit entnervt; sie spekulieren über
psychosomatische Ursachen bzw. fehlendes Bemühen zur Genesung.
("Das kenn ich aus der Psychotherapie. Die Patienten, denen man
nicht helfen kann, weil's am Patienten liegt.") Auch diese Geschichte
endet mit einem ironischen Dreh: Die erlösende Diagnose, die eine
Spezialklinik in München schließlich stellt, bestätigt, was die
Erzählerin selbst die ganze Zeit über vermutet hatte. Sie leidet
an einer nicht ungewöhnlichen Magen-Darm-Krankheit, die durch eine
strenge Diät heilbar ist.
Die Texte sind realistisch und auf den ersten Blick selbstentblößend.
Erdheim hält sich an die österreichische Umgangssprache, die
Schauplätze (und, wenn man sie kennt, vielleicht auch manche der
Personen) sind wiedererkennbar. Die autobiografischen Ansätze sind
jedoch wie andere Elemente der Erzählung kalkuliert. Man hat es hier
mit stilisierten "Selbstporträts" zu tun, an denen jeweils etwas
Konkretes demonstriert wird. Erdheim plaziert ihr fiktives
Autorinnen-Ich als Medium der Beobachtung und Erfahrung in
unterschiedlichen Versuchsan-ordnungen, thematischen Ausschnitten,
Episoden, in denen das Bewußtsein eines größeren gesellschaftlichen
Zusammenhangs dezent mitschwingt. Der informelle und subjektive
Gesprächston der Ich-Erzählerin verfängt sich daher nicht in endlosen
Assoziations-Verkettungen einer Tagebuchprosa, sondern erzeugt in
Verbindung mit genau konstruierten Handlungsmustern lakonische
Pointen.
Erich Schirhuber
Neue Wiener Bücherbriefe 4/99
Die Wienerin Claudia Erdheim macht als Romanautorin bekanntlich aus
ihren Herzen nie eine Mördergrube, aber auch aus einer Mördergrube
nichts Herziges. Ihr Markenzeichen, atemlos dialogisches Erzählen
ohne viel Scheu vor Derbheit und unter dezitierter Verachtung
politischer Korrektheit, führt sie hier weiter vor. Eine Baltin,
mit Kulturaustausch befaßt, geht ihr auf den Nerv, und zwar immer
mehr - lesend wird man Zeuge, wie eine Person namens Virve zu einer
Heimsuchung wird und immer mehr den Alltag der Ich-Erzählerin
besetzt. "Reis, Huhn, Fisch" behandelt eine Darmerkrankung, die die
Autorin befällt und die den Ärzten Rätsel aufgibt. Und nun breitet
Erdheim aus, wie ein leiblicher Defekt beginnt, den Tagesaublauf und
das gesamte Denken zu beherrschen, wie die Wege auf die Toilette, die
Arzttermine und Befunde, die Diäten, Einläufe und Medikamnete zur
einzigen Lebensrealität werden. Reise, Bücher, soziale Kontakte:
alles verblaßt neben der physischen Selbstbespiegelung einerseits,
der Darmspiegelung der Ärzte andererseits. Hier ist Claudia Erdheim
ein Text gelungen, der aus ihrem individuellen Erleben weit
hineinreicht ins Allgemeine. Kein Selbsterfahrungsbuch, schon gar
kein Lebenshilfe-buch. Irritierend, quälend.

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