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Virve Inhalt
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ISBN 3-85409-296-2




Einband
 
Inhalt

"Virve" ist eine Charakterstudie. Halb Schwedin, halb Estin, halb Freundin, halb Feindin, befiehlt oder verbietet sie ununterbrochen allen Leuten etwas, ist einfach nicht mit den europäischen Umgangsformen vertraut. Sie hat ein enormes Engagement für Estland, versteht jedoch dieses auf sehr subjektive Weise mit ihren eigenen Interessen zu verbinden.
In "Reis Huhn Fisch" geht es um eine Infektion, die eine Lebensnerv tötende Darmerkrankung nach sich zieht und die geplante Rußlandreise immer wieder verhindert. Es geht um ärztliche Kunstfehler, um Unwissenheit, Ignoranz und Überheblichkeit. Kein österreichischer Arzt erkennt die Krankheit, die Symptome werden einerseits als psychosomatisch abgetan, andererseits quält man die

Patientin mit allen erdenklichen scheußlichen Untersuchungen. Ein Medikament wird verordnet, das nachhaltige Schäden verursacht. Es wäre nicht Claudia Erdheim, würden hinter der Schilderung dieses Leidensweges nicht akribische Beobachtung und Ironie ebenso stehen wie ein unerschütterlicher Kampfgeist, gleichermaßen getragen von der Sehnsucht nach Rußland wie der Lust auf Speck und Gorgonzola.



 

Rezensionen

Internet des Literaturhauses Wien
Christine Rigler, 15. Juni 1999

Die Grundkonstellation der beiden Erzählungen in diesem Band ist bereits aus früheren Arbeiten Erdheims bekannt: die Ich-Erzählerin weist biografische Übereinstimmungen mit der Autorin auf. Sie heißt hier sogar Claudia (auch ein Ex-Mann namens Erdheim wird erwähnt) und lebt als Schriftstellerin in Wien. Beide Erzählungen kreisen um Aufenthalte in Osteuropa, der am Klappentext angekündigte Rußlandroman spielt auch eine gewisse Rolle.
Der erste Teil handelt von einer merkwürdigen Frau namens Virve, sie ist estnisch-schwedischer Herkunft, arbeitet als Auslandslektorin in Wien und herrscht inoffiziell über die Besetzung von Universitätsposten in Estland. Porträtiert wird sie vorwiegend über Gespräche und Begegnungen mit der Ich-Figur, die aus ihren Erinnerungsfragmenten ein wenig freundliches Bild montiert: Demnach verhält sich Virve unkollegial, unverschämt und intrigant - Eigenschaften, die sie zwar allseits unbeliebt machen, offensichtlich aber die Karriere fördern. Darin liegt nämlich der Clou dieser Geschichte: Die Schilderung Virves als Unperson endet trocken mit der Nachricht, daß diese zur estnischen Botschafterin in Österreich ernannt werde.
Beide Erzählungen beschreiben am Rande auch die Lebensbedingungen von Schriftstellern. Wird in "Virve" vor allem die Abhängigkeit von einem hinterfotzigen Literatur-/Wissenschaftsbetrieb angedeutet, so hindert in "Reis, Huhn, Fisch" chronischer Durchfall die Erzählfigur am Schreiben; schließlich wird ihr Leiden aber zum Anlaß bzw. Stoff für die vorliegende Geschichte. Keiner der aufgesuchten Ärzte, auch nicht die Koryphäen, können helfen, die verschiedensten Untersuchungsmethoden und Therapien werden angewandt: Schulmedizin, Naturheilkunde, Akupunktur, - der Durchfall bleibt und überschattet in zunehmendem Ausmaß den Alltag. Der Speiseplan reduziert sich auf Reis, Huhn und Fisch, die psychische Belastung wächst. Ärzte wie Bekannte reagieren mit der Zeit entnervt; sie spekulieren über psychosomatische Ursachen bzw. fehlendes Bemühen zur Genesung. ("Das kenn ich aus der Psychotherapie. Die Patienten, denen man nicht helfen kann, weil's am Patienten liegt.") Auch diese Geschichte endet mit einem ironischen Dreh: Die erlösende Diagnose, die eine Spezialklinik in München schließlich stellt, bestätigt, was die Erzählerin selbst die ganze Zeit über vermutet hatte. Sie leidet an einer nicht ungewöhnlichen Magen-Darm-Krankheit, die durch eine strenge Diät heilbar ist.
Die Texte sind realistisch und auf den ersten Blick selbstentblößend. Erdheim hält sich an die österreichische Umgangssprache, die Schauplätze (und, wenn man sie kennt, vielleicht auch manche der Personen) sind wiedererkennbar. Die autobiografischen Ansätze sind jedoch wie andere Elemente der Erzählung kalkuliert. Man hat es hier mit stilisierten "Selbstporträts" zu tun, an denen jeweils etwas Konkretes demonstriert wird. Erdheim plaziert ihr fiktives Autorinnen-Ich als Medium der Beobachtung und Erfahrung in unterschiedlichen Versuchsan-ordnungen, thematischen Ausschnitten, Episoden, in denen das Bewußtsein eines größeren gesellschaftlichen Zusammenhangs dezent mitschwingt. Der informelle und subjektive Gesprächston der Ich-Erzählerin verfängt sich daher nicht in endlosen Assoziations-Verkettungen einer Tagebuchprosa, sondern erzeugt in Verbindung mit genau konstruierten Handlungsmustern lakonische Pointen.


Erich Schirhuber
Neue Wiener Bücherbriefe 4/99
Die Wienerin Claudia Erdheim macht als Romanautorin bekanntlich aus ihren Herzen nie eine Mördergrube, aber auch aus einer Mördergrube nichts Herziges. Ihr Markenzeichen, atemlos dialogisches Erzählen ohne viel Scheu vor Derbheit und unter dezitierter Verachtung politischer Korrektheit, führt sie hier weiter vor. Eine Baltin, mit Kulturaustausch befaßt, geht ihr auf den Nerv, und zwar immer mehr - lesend wird man Zeuge, wie eine Person namens Virve zu einer Heimsuchung wird und immer mehr den Alltag der Ich-Erzählerin besetzt. "Reis, Huhn, Fisch" behandelt eine Darmerkrankung, die die Autorin befällt und die den Ärzten Rätsel aufgibt. Und nun breitet Erdheim aus, wie ein leiblicher Defekt beginnt, den Tagesaublauf und das gesamte Denken zu beherrschen, wie die Wege auf die Toilette, die Arzttermine und Befunde, die Diäten, Einläufe und Medikamnete zur einzigen Lebensrealität werden. Reise, Bücher, soziale Kontakte: alles verblaßt neben der physischen Selbstbespiegelung einerseits, der Darmspiegelung der Ärzte andererseits. Hier ist Claudia Erdheim ein Text gelungen, der aus ihrem individuellen Erleben weit hineinreicht ins Allgemeine. Kein Selbsterfahrungsbuch, schon gar kein Lebenshilfe-buch. Irritierend, quälend.



 

Textprobe

Aus: Reis Huhn Fisch

... Ich war auch einmal in Petersburg. Da bin ich gleich vom Flughafen ins Konzert gefahren. Ich liebe die Musik. Gleich vom Flughafen ins Taxi und ins Konzert. Petersburg ist eine schöne Stadt. Ja, aber mir gefällt Moskau besser. Wie ist das jetzt mit dem Durchfall. Die Salmonellen sind ja weg. Die dritte Probe hab ich noch nicht. Wie oft gehen Sie denn am Tag?. Manchmal ein paar Mal richtiger Durchfall, manchmal ist es normal. Wie oft? Öfter als fünf Mal. Nein drei Mal vielleicht. Ab acht Mal ist es problematisch. Acht Mal geh ich nicht. Sie sind nervös, weil Sie ein halbes Jahr nach Rußland fahren. Tepp. Deshalb hab ich keinen Durchfall. Aufgeregt bin ich schon, aber ich hab sicher davon keinen Durchfall. Sie sind nervös. Idiot. Warten Sie noch die dritte Probe ab. Und wenn Sie Durchfall haben, nehmen Sie ein Imodium. In zehn Tagen soll ich fahren. Schon wieder Durchfall. Melissentee. Das hilft immer noch am besten. Viel Melissentee, das beruhigt den Darm. Ist die Probe schon da? Nein. Wann kommt sie denn? Der Herr Brenner is grad weggangen und holt die Befunde. Der Mensch am Magistrat ist ein Hammer. Daß da überhaupt irgend etwas geschieht, ist unvorstellbar. Ich eß jeden Tag zum Frühstück ein Ei. Ja, ja. No und. Ich hab noch nie etwas gehabt. Ja. Ich eß jeden Tag zum Frühstück ein Ei, ja ja. Das weiß ich jetzt schon. Meine Mutter ißt auch jeden Tag zum Frühstück ein Ei. Ja, ja. Die hat auch noch nie etwas gehabt. Meine Mutter ißt auch jeden Tag zum Frühstück ein Ei. Wann ist der Befund da? Also vielleicht ist der Befund schon am Donnerstag nachmittag am. Am Freitag ist er aber sicher da. Da können Sie anrufen. Sie können es Donnerstag nachmittag probieren. Aber am Freitag is dann sicher. Ich geh jetzt gleich weg und trag die Proben ins Labor. Am Freitag ist der Befund dann sicher da. Kann ich Herrn Brenner sprechen. Der is no net da. Der kummt in aner Stund. Kann ich, bitte, den Herrn Brenner sprechen. Na, der ist immer no net da. Aber ruafen S' im Labor an. I gib Ihna die Nummer. Ja, der Kollege hat mi schon zwa Mal angruafen. I muaß jetzt aufs Magistrat fahren. I hab überhaupt ka Zeit. Was ist mit dem Befund? No der is negativ. I hab überhaupt ka Zeit. Der Kollege hat mi scho zwa Mal wegen Ihna angruafen. I muß ja ins Magistrat fahren. Entschuldigen Sie, bitte. Danke. Hallo, der dritte Befund ist auch negativ. Aber ich hab immer noch Durchfall. Das ist nervös. Tepp. Wir sprechen dann Dienstag in meiner Ordination darüber. Die dritte Probe ist auch negativ. Ich hab aber trotzdem immer wieder einmal Durchfall. Sie sind nervös, weil Sie ein halbes Jahr nach Rußland fahren. Idiot. Was für ein Ton! Es ist nicht nervös. Ich weiß das. Ich weiß ganz genau, wenn etwas psychisch ist. Ich kenn mich doch. Diese depperten Ärzte wissen immer alles besser. Es hat keinen Sinn, etwas zu sagen.