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Längst nicht mehr koscher
Die Geschichte einer Familie
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ISBN 3-707602-087 Unterer Rahmen
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Inhalt

Erzählt wird die Geschichte der fünf Brüder Erdheim und deren Nachkommen. Die Handlung setzt um 1870 im österreichischen Galizien ein, in Borysław/Drohobycz, wo es Erdöl und Erdwachs gibt. Moses Hersch, der Stammvater der Familie, verdankt diesen Funden ein kleines Vermögen. Er besitzt Gruben, eine Erdölraffinerie und eine Brauerei. Im Gegensatz zum dort herrschenden Manchester-Kapitalismus wachsen die Kinder in der Geborgenheit der jüdischen Familie auf. Sie sind fromme, aber aufgeklärte Juden. Vier Söhne ziehen Ende des 19. Jhs. nach Wien, zwei studieren Medizin, einer Jus, einer bleibt in Galizien, ein anderer kehrt als Advokat nach Galizien zurück. Wien wird zum neuen Zentrum der Familie, man lernt den Prater mit seinen zweifelhaften erotischen Vergnügungen kennen, die Seziersäle der Universität und die Welt der Kliniken. Einer der Brüder etabliert sich als Kaufmann, hält Dienstboten und lässt die Frau zur Kur und Sommerfrische nach Franzensbad und Wörrishofen fahren. Seine aufmüpfige Tochter tritt den sozialistischen Mittelschülern bei, wird Ärztin und möchte die Ausbildung zur Psychoanalytikerin machen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ist die Familie in Gefahr. Die in Drohobycz verbliebenen Erdheims kommen im Ghetto um, ihr Sohn, der in Ungarn lebt, in Melk, im Nebenlager von Mauthausen, zwei Erdheims irren unter falschem Namen durch das besetzte Polen, bis die Rote Armee eintrifft. In Wien überlebt die Ärztin mit ihrem nichtjüdischen Lebensgefährten, einem Antifaschisten und Widerstandskämpfer. Das Buch endet mit ihrer Eheschließung im August 1945, der Widerstandskämpfer wird Mitglied der provisorischen Regierung Renner und die Ärztin bekommt den ihr während der Nazizeit verwehrten Facharzt-Titel.




Rezension

Geschichte der Erdheims
Günther A. Höfler, Illustrierte Neue Welt, Februar/März 2007

Zweifellos fällt dieses Buch aus der Reihe genretypischer Familiensagas, die in letzter Zeit den Buchmarkt angeführt haben, man denke an Franzen, Foer, Lewinsky u.a. Auch formal hebt es sich von diesem sattsam bekannten Sinnstiftungsmuster ab, die beiden Untertitel zeigen es an: Roman und Familienhistorie in einem, modisch gesagt, ein Hybrid. Erzählt und teils unter Einfügung historischer Dokumente wird die Geschichte der Erdheims von 1866 bis 1945 berichtet, als Tea, die durch ihren rebellischen Geist, ihren Mut und den enorme Durchhaltewillen faszinierende Mutter von Claudia Erdheim, den Widerstandskämpfer Lenz heiratet. Die Autorin nimmt somit Abstand von einem autobiographischen Sich-Einschreiben in diese Geschichte, anders etwa als Peter Singer in seiner Familienhistorie "Mein Großvater", mit der Erdheims Konzeption am ehesten vergleichbar wäre. "Längst nicht mehr koscher" folgt, dem Titel gemäß, dem Verlauf einer Assimilation, besser: dem Traum von deren Gelingen. Dieser bestimmt wesentlich das Leben der fünf Söhne des aufgeklärten Moses Hersch, Besitzer eines Petroleumbetriebes im galizischen Boryław. Dieses Assimilationsstreben jedoch wird als höchst ambivalent erkennbar gemacht, weil die Autorin durchgehend die Lebenshoffnungen der Personen der durch historische Zeitungsmeldungen dokumentierten politischen Meinung (über die Juden) gegenüberstellt. So etwa, als die Erdheims im ersten Kriegsjahr auch wie ihre Wiener Umgebung Weihnachten feiern und die Rede auf Jakob kommt, der als Arzt an die Front ist: "- Ein jüdischer Held. – Es gibt doch keine jüdischen Helden". Die Autorin hat für diese Rekonstruktion des Erdheimschen Familiengedächtnisses polnisch und jiddisch gelernt, um die in diversen Archiven gelagerten Zeugnisse Zeitungsmeldungen u.a. nutzen, sowie die Briefe ihrer 'Mischpoche' lesen zu können. Etliche dieser teilweise sehr berührenden Briefe haben ins Buch Aufnahme gefunden und illustrieren anschaulich und berührend die Lebensatmosphäre der Zeit, manche davon sind Claudia Erdheim zufolge auch fingiert, und zwar so stilgetreu, dass sie für den Leser ununterscheidbar sind. Anhand der aufstrebenden Söhnegeneration, (Ärzte, Unternehmer, Anwalt) entwirft die Autorin ein facettenreiches Panorama jüdischen Lebens einige davon mutet gewiss bekannt an, denn die Erdheims scheinen keine atypische Familie zu sein. Individuelle Schicksale wie berufliche Krisen, Krankheiten, Ehebrüche oder aus der Konvention fallende Lebensweisen kommen ebenso ins Bild wie kulturelle Vorlieben (Schnitzler- und Nordau-Lektüre, Kraus-Vorlesungen u.a.m.). Ein Drittel des Buches machen die Verhängnisse aus, wie sie ab 1934 auf die Familienmitglieder hereinbrechen, in Österreich, Polen, der Ukraine und Ungarn. Erdheims Erzählanordnung, nämlich die einer Schilderung von individuellen Lebensläufen am historischen Leitfaden entlang, erfährt in diesem Teil eine besondere Verdichtung, wo die Überwältigung und teilweise Vernichtung der Menschen durch die Politik dargestellt wird. Die Autorin verwendet die für ihre Schreibweise typische, schnörkelfreie Hauptsatztechnik, die konsequent eine sentimentale Einfühlung des Lesers bzw. eine Erzählillusion hintertreibt, sodass das Werk an keiner Stelle gefährdet ist zum Familienschmöker zu werden. Durch diesen stilistischen Kunstgriff gelingt es ihr, das Grauen unvermittelt, ohne Abfederung mitzuteilen: "Der letzte Schmuck muss auch mit. Ein Ring, eine Kette und eine Uhr. Sie werden zu einem Sportplatz gebracht. Dort sind schon viele Menschen versammelt." Und diese emotionalisierte Form der Vergegenwärtigung von Ereignissen ist überaus effektiv: es geht letztlich doch auch darum, in stimmiger Weise für die literarische Erfahrung Terrain zurückzugewinnen, das endgültig von der Geschichtsschreibung vereinnahmt scheint. Ob für diesen Chronik-Roman das Präsens als Erzähleinheit angemessen ist, muss unentschieden bleiben, vielleicht folgt sein Einsatz auch keinem speziellen poetischen Kalkül, zumal Claudia Erdheim alle ihre Erzähltexte im Präsens schreibt. Dass dieses Tempus aber eine besondere Nachdrücklichkeit kennzeichnet, ist freilich unleugbar. Claudia Erdheim hat einen wichtigen Geschichtsroman mit hohem Authentizitätsgrad und ungeheurer Dichte geschrieben, der den abgründigen Irrwitz der österreichischen Vergangenheit direkt angeht, ohne auf wohlfeile Unterhaltungseffekte zu schielen.




Textprobe

Chane, die Dienstmagd, bringt das Frühstück. Brot, kaltes Huhn und Zichorienkaffee. Der Fußboden der Stube ist glattlackiert und die Wände sind frisch gestrichen. In der Mitte steht ein Tisch, drum herum Sessel mit geflochtenen Sitzen. Ein Lehnstuhl und ein Schreibtisch befinden sich noch in dem Zimmer. Und eine Kredenz, in der das Passahgeschirr aufgehoben wird, ein Chanukkaleuchter, eine Menora, silberne Kerzenhalter, das Buch Esther in einer Kassette und ein Sabbatbrotmesser mit einem Perlmuttergriff, auf dem die Worte „Heiliger Sabbat“ eingraviert sind. In den Fächern sind Gewürz- und Kräuterbehälter, Karaffen, Tabletts und Vasen. An der Wand neben der Tür hängt in einem Goldrahmen ein großes Bild. Es stellt eine tropische Landschaft dar. Ein bläulicher Himmel über Bambuswäldern und im Vordergrund einige Gazellen. An der Ostwand hängt ein Bild von Moses Montefiore.
 — Du warst heute nicht in der Synagoge, sagt Esther.
 — Ja.
 — Und gestern und vorgestern warst du auch nicht.
 — Ja.
 — Gitel hat es Chane gesagt. Laß sie reden.
 — Naphtali hat es Schejne erzählt. Milka spricht nicht mit mir.
 — Was macht das?
 — Chane hat mir gesagt, daß man sich erzählt, daß du am Sabbat Zigarren rauchst.
 — Das ist eine Lüge.
 — Alle reden. Joel, Hinda, Mendel. Niemand spricht mehr mit uns. Sie sagen, wir kommen in die Gehenna.
Moses Hersch lacht.
 — Närrin. Laß sie reden.
 — Aber es sind unsere Nachbarn.
 — Ich bin ein gottesfürchtiger Mann. Ich spreche das Morgengebet und das Abendgebet. Das genügt. Gottesmann, Kornhaber, Mendelson gehen auch nicht jeden Tag in die Synagoge. Ephraims Meier und Simons Feigele gehen mit Sische in eine Klasse. Und Azriel, Berman, Dow gehen auch nicht mehr in den Cheder. Wir werden bald nach Drohobycz ziehen.
 — Moses Hersch nimmt eine Prise Schnupftabak. Der Säugling schreit.
 — Esther nimmt ihn an die Brust.
 — Osias muss in den Cheder kommen.
 — Er muss nicht in den Cheder gehen.
 — Er muss in den Cheder gehen.
 — Er soll in die Volksschule gehen.
 — Aber zuerst in den Cheder. Er muss Hebräisch lernen und den Talmud studieren.
 — Das kann er auch mit einem Privatlehrer. Im Cheder lernt er nur Hebräisch und Chumesch. Er soll Deutsch lernen. Reb Wolf ist ein schlechter Lehrer und es ist sehr schmutzig bei ihm und im Haus laufen die Hühner herum und es stinkt und die Windeln hängen überall und seine schmutzigen Kinder schreien und Rebekka steht die ganze Zeit am Herd und zetert. Das weißt du doch.
 — Er soll auch nicht zu Reb Wolf gehen. Geben wir ihn zu Reb Selig. Sische war auch bei ihm. Er ist kein Chassid, aber er ist ein Gelehrter.
 — Reb Selig ist auch nicht viel besser, und Reb Manasse ist ein chassidischer Trunkenbold.
 — Er muss bis zur Volksschule in den Cheder gehen. Er ist alt genug, um zu lernen.
 — Kümmer’ dich um die Kinder und mach’ die Bestellungen fertig. Moses Hersch steht auf, zieht seinen mit Fuchspelz gefütterten Überzieher an und geht. Er muss nach Drohobycz fahren und das Brauhaus in das Katastralregister eintragen lassen. Es ist tief verschneit. Er lässt die Pferde vor den Schlitten spannen.